Erstes Tangiert-Treffen

Mein erstes TANGIERT-Treffen liegt hinter mir (Bericht von Bernadette)
Es ist eine sehr nette Gruppe und der gemeinsame Schicksalsschlag verbindet vom ersten Moment an. Ich habe mich in der Gemeinschaft sehr wohl gefühlt und an richtiger Stelle.

Es hat mich zutiefst erschüttert, wie viele Frauen betroffen sind. Noch erschütternder ist aber, was wir Frauen unseren Männern gestatten mit uns zu tun! Es tut so weh, das zu hören, weil man ja im Grunde die eigene Geschichte hört! Keine Frau darf es zulassen, sich so unwürdig behandeln lassen. Auch wenn die Männer nichts dafür können, daß sie schwul geworden sind, so sind sie aber doch sehr wohl verantwortlich dafür, wie sie nach dem Outing damit umgehen und vor allem, wie sie in Bezug auf ihre Frauen damit umgehen.

Den Spiegel, den ich "vorgesetzt" bekam, waren die anwesenden Frauen. Und ich sah vor mir die Bernadette vor ein paar Wochen/ Monaten. Zutiefst verzweifelt ohne eine Perspektive für die eigene Zukunft, voller Angst und Unsicherheit, voller Selbstzweifel, ganz in Abhängigkeit von meinem Mann. Aber ich habe gemerkt, daß ich schon viel weiter bin, als mir bewußt war. Denn ich weiß, ich WILL den Schmerz nicht mehr ertragen, ich WILL NICHT mehr leiden, ich WILL wieder glücklich und zufrieden werden mit meinem Leben. Und das wurde mir bei diesem Treffen noch bewußter. Der Gedanke und die Vorstellung, mein Leben eigenverantwortlich in die Hand zu nehmen, festigt sich immer mehr. Ich möchte mich nicht mehr verstricken im Sumpf von Verzweiflung und Trauer und Mutlosigkeit, dem Gefühl, betrogen und so lange belogen worden zu sein.

Man könnte fast annehmen, die Männer hätten alles Recht der Welt, das sie sich auch nehmen auf Kosten von uns Frauen. Wir Frauen dagegen hätten nur das Recht, es zu ertragen. Es gab eine Phase während des Gespräches, da konnte ich nicht mehr, es wurde mir zu viel. Ich mußte beben vor Wut und Erschütterung. Über das, was wir Frauen erlebt haben und erleben und über das, was ich selbst erlebt habe und wieviel ich schon verkraften mußte. Nein, das alles darf mein Mann mir nicht mehr antun. Aber solange ich es zulasse, wird er es natürlich tun, ob bewußt oder unbewußt. Es liegt an mir, es ihm zu "verbieten", indem ich ihm nicht mehr den Rahmen dazu gebe.

Ich bin so glücklich darüber, daß ich gestern beim Treffen war. Es war eine der wertvollsten Erfahrungen für mich während des ganzen Zeitraumes nach seinem Outing. Ich weiß, daß mein Weg der richtige für mich ist. Ein Leben an der Seite eines schwulen Mannes ist für mich nicht genug, es tut nur weh. Auch ich habe das Recht auf Glück, erfahre aber nur Unglück, wenn ich sein Glück betrachte. Ich bin eine 100%ige Frau und möchte einen Mann, der 100%ig zu mir steht und zu mir gehört und den ich nicht mit einem anderen Mann teilen muß. Es klingt sehr egoistisch, selbst für mich. Aber ganz nüchtern betrachtet fragt er mich auch nicht, ob es mir gefällt oder ob ich damit umgehen kann. Er erwartet es einfach.....

Ich weiß aber auch, daß ich noch viele Rückschläge und viel Leid werde erleben müssen und verzweifelt und mutlos sein werde. Doch darauf bin ich gefasst. Ich hoffe, daß ich nach jedem Rückschlag gestärkt in meiner Überzeugung aus der Sache gehe. Ich werde Schritt für Schritt meinen Weg gehen. Der nächste Schritt, den ich heute getan habe war, daß ich erste Erkundigungen eingeholt habe, um zu wissen, wie es finanziell um mich steht im Falle einer Trennung. Lohnsteuerklasse, Unterhalt usw. Ich mußte mich endlich auch dieser Angst stellen, um überhaupt eine Vorstellung zu bekommen, was auf mich zukommt. Und selbst wenn es nach einer Trennung nicht rosig aussehen sollte, so ist es doch nicht ganz so schlimm, wie ich befürchtet habe. Das nimmt mir zumindest ein Stück meiner Angst. Und das ist gut, denn diese Angst hat mich lange genug gelähmt. Und ich habe dadurch Zeit gewonnen, weil ich mir jetzt schon überlegen kann, was ich im Falle, daß es finanziell nicht reicht, tun könnte.

Beim nächsten Treffen kann ich leider nicht dabei sein, aber danach werde ich wieder hingehen. Es gibt nichts kostbareres als eine Gruppe von Frauen, die einander in dieser Situation verstehen. Die Kraft alleine dadurch geben, daß man nicht mehr alleine ist mit dem Problem. Und was genauso wichtig ist: zu sehen, daß es auch ein Leben nach dem schwulen Mann gibt. Daß viele Frauen es geschafft haben, wenn es auch nach wie vor schwer ist, aber denen ihr Leben mehr wert ist und die sich nicht aufgeben.

Ich wünsche mir, daß mein Mann und ich es schaffen, vernünftig und fair miteinander umzugehen. Ich wünsche mir - nach dieser schweren Zeit - daß wir irgendwann Freunde sein zu können und uns ohne Vorwürfe in die Augen blicken können. Das ist alles, was ich mir von meinem Mann noch wünsche.

Ich danke den Tangiert-Frauen für die Unterstützung, danke für Euren Einsatz und daß Ihr den neuen Frauen durch Eure eigenen schmerzlichen Erfahrungen so viel Mut, Verständnis und Kraft gebt. Für viele Frauen gibt es nur diese eine Stelle, an die sie sich wenden können. Sie wären sonst ganz allein. DANKE !!!!!!

Bernadette
Letzte Änderung
November 28. 2017 23:51:28