Gedanken von Iris an Katja

Liebe Katja
Die Zwillinge sind zwar noch nicht im Bett aber ich bin trotzdem schon mal hier.
Wie gut kenne ich die Gedanken, die du beschreibst! Und wie nah sind mir noch die Verzweiflung, das Entsetzen in deinen Zeilen. Ja es ist einfach nur schlimm, den Menschen den wir lieben, mit dem wir alt werden wollten oder eigentlich immer noch wollen zu verlieren. Und doch ist es so....ich empfinde es zumindest so, den Mann den ich geliebt habe, den ich immer noch liebe, gibt es so nicht. Es hat sich mir eine Seite aufgetan, von der habe ich nichts gewusst.....ja oder habe mich blenden lassen. Ich habe meinen Mann in Australien in einer Sprachschule kennengelernt. Ich ging davon aus, dass er schwul ist, als Krankenschwester hatte ich viele Schwule Berufskollegen, er passte irgendwie ins Schema. Wir gingen oft aus miteinander und irgendwann meinte er, ich sei seine Traumfrau. Meine Äusserung, dass ich davon ausgegangen sei, er sei schwul dementierte er. Ich war 24 er gefiel mir, wir hatten Spass zusammen - ich glaubte ihm. Er gab mir in den 17 Jahren in denen wir nun ein Paar sind, nie Anlass zum Zweifel. Auch er war stockkonservativ und katholisch aufgewachsen, konnte sich ein outing bis vor kurzem nicht vorstellen. Nun hat er sich aber in ein Sexdate verliebt, und dieser auch in ihn und jetzt haben wir den Schlammassel. Er hat mir gestanden Schwul zu sein. Das ist jetzt 5 Monate her. Dieser ganz schlimme Schmerz empfinde ich nicht mehr pausenlos, das Atmen fällt nur noch zeitweise schwer. Ich kann meine Kinder wieder versorgen (obwohl sich die Unfälle bei uns häufen...)und den Haushalt versorgen. Mein Mann ist vor 2 Wochen ausgezogen in eine kleine Wohnung, ich bin mit den Kindern im Haus geblieben. Wir haben einen Betreuungsplan erstellt. Er kommt 2x die Woche am Abend "nach Hause" und jedes 2. Wochenende. Ich kann in dieser Zeit bei seiner Schwester in einer Gästewohnung sein. War diese Woche zum ersten Mal dort. In der 1. Woche bin ich hier geblieben wenn er da war. Aber wir hatten es so schön und ich begehre ihn so sehr - es macht mich fertig. Wenn ich mit ihm schlafe geht es mir nachher so elend schlecht und wenn ich neben ihm im Bett liege, kann ich doch nicht widerstehen. Deshalb führe ich mich nicht in Versuchung und gehe sobald er kommt.
Ihm geht es schlecht, genauso wie dein Mann möchte er am liebsten mit seinem Lover Schluss machen und bei mir bleiben. Aber für immer auf Männer verzichten - das kann er, wenn er ehrlich ist, nicht versprechen. Ich würde mich freuen, wenn er käme und mir sagt, dass diese Männerkontakte es nicht wert sind unser Leben wegzuwerfen und er eine Therapie versuchen würde. Da würde ich wahrscheinlich darauf einsteigen. Aber er sagt es nicht, will im Moment auch nicht auf Männer verzichten, jetzt wo er sich seiner Familie gegenüber geoutet hat. Ich bin dankbar, dass er so ehrlich ist und ich fühle, dass ich ihn nicht teilen will. Ich möchte einen Partner, der mir Treu ist, bei dem ich nicht Fantasien entwickeln muss, wenn er sich mal verspätet oder plötzlich ins hinterherspionieren komme. Das kristallisiert sich für mich immer mehr heraus. Es gibt aber auch Frauen hier, die ihre Männer teilen und den Teil, den sie mit ihnen haben können schätzen und nicht aufgeben wollen. Was du für dich willst, wirst du spüren wenn die Zeit dazu gekommen ist. Lass dir Zeit - es gibt keinen Grund zur Eile. Eine Beziehung die über so lange Zeit gewachsen ist, kann niemand der wirklich geliebt hat in ein paar Wochen abschliessen. Davon bin ich überzeugt.
Ja nicht nur wir verlieren viel, unsere Männer auch. Ich versuche einfach herauszufinden was für mich und die Kinder gut ist - er muss das für sich auch tun. Ich kann es nicht für ihn.
Dein Mann bittet dich um eine erneute Chance. Was will er denn anders machen, als in den Jahren davor? Hat er konkrete Pläne?
Du schreibst, dass du denkst das ganze ist angeboren, wie eine Sucht - mit dem Angeboren bin ich nicht sicher, mit der Sucht schon. Ja ich glaube auch, dass es eine Sucht ist und da schaltet sich mein Professionelles Hirn ein und warnt mich - stelle alle seine Aussagen in Frage - einem Junkie kann man nicht vertrauen. Sie meinen Ihre Aussagen in den Momenten in denen sie sie aussprechen ehrlich - aber dann kommt die Sucht und ist stärker als alle Vorsätze und Versprechen.
So nun habe ich die Kinder im Bett - es ist wieder viel zu spät geworden - aber wir haben ja Ferien.
Wegen dem Angeboren: Bis vor 2 Wochen war ich auch dieser Meinung. In der Hirnforschung konnte belegt werden, dass schwule Männer in gewissen Bereichen wie Frauen ticken, bei den lesbischen Frauen umgekehrt. Nun habe ich letze Woche mit einem Psychiater gesprochen, der hat sich auf Homosexualität und Sexsucht spezialisiert. Er ist der Meinung Homosexualität habe nichts mit Biologie zu tun. In der Zwillingsforschung hätte das bewiesen werden können. 10% der eineiigen Zwillinge seinen von Homosexualität betroffen, jedoch nur 10% davon sind beide Zwillinge Homosexuell. Diese Zahl müsste bei einer genetischen Ursache viel höher sein. Er meinte ich solle die Biologie vergessen. Nun was ich mir aber noch vorstellen könnte ist ein Defekt, der während der Schwangerschaft aufgetreten ist. Er meint eher, es habe biografische Ursachen, da seine die paralellen verblüffend. Schlechte Vaterbeziehung, starke Mutterbindung, intellektuelle, musische oder kreative Fähigkeiten welche von der Umgebung nicht annerkannt / gesehen wurden. Tja würde  auf meinen Mann zutreffen. Ich weiss nicht recht was ich davon halten soll. Es hat mir irgendwie Hoffnung gegeben, dass es vielleicht doch einen gemeinsamen Weg geben könnte - wenn er denn wollte. Aber ich musste merken, er will zwar mit mir zusammenbleiben, will Familie, Haus, Ansehen....nicht verlieren ABER er will / kann die Männer nicht lassen. So und da schliesst sich der Kreis wieder - ich will nicht teilen.
Caro und andere haben Erfahrungen mit "Therapien". Ihre Geschichten sind nicht gerade ermutigend was die Hoffnung auf ein Leben ohne Männer angeht.
Ja diese 2 Waagschalen. Wir müssen uns zwischen zwei Übeln entscheiden - das ist nicht schön. Und der Gedanke vielleicht den Rest des Lebens alleine verbringen zu müssen finde ich schrecklich. Da hast du ja aber vor 3 Jahren eine mutmachende Erfahrung gemacht. Es gibt offensichtlich noch andere Männer auf dieser Welt, die deinem Herzen nahe kommen können. Das lässt doch hoffen, dass dies nochmal passiert, irgendwann wenn der Schmerz abgeklungen ist, Abschied genommen ist, du bereit bist die Trauer loszulassen. Die Vergangenheit annehmen und wieder in die Zukunft schauen - mit Zuversicht und einem frohen Herzen - das wünsche ich dir und mir und allen, die noch mittendrinn stecken!
Ich möchte mich Caro anschliessen - schau zu dir! Vielleicht gehst du selber auch zum Arzt und lässt dich durchtesten. Es ist gut zu wissen woran du bist. Es ist gut, wenn du im Moment etwas zum schlafen nimmst, viele von uns brauchen das, ich brauchte es auch und manchmal heute noch. Du musst essen, schlafen, ein mal am Tag lachen, lass dir von jemandem helfen! Deine Kinder brauchen ihre Mamma!
 
Lass dich nicht unterkriegen und sei lieb gegrüsst aus der Schweiz
Iris

Letzte Änderung
November 28. 2017 23:51:28