Mein Vater - schwul

Mein Vater - schwul ! (Bericht von Jana )
Ich möchte berichten, wie ich die Entwicklung meiner Familie, insbesondere die meines Vaters in den letzten Jahren wahrgenommen habe. Eigentlich dachte ich, wir wären eine recht glückliche und zufriedene Familie. Doch das ganze Bild hat sich etwas gedreht, als ich in meinem 14. Lebensjahr herausfand, dass mein Vater wohl eine Neigung an sich hat, die ich nicht verstehen konnte. Er ist schwul. Mit dem Thema „Schwul“ kommt man nicht sehr einfach zurecht, wenn man gerade mal 13 Jahre alt ist. Mir war es einfach nur peinlich, und ich habe es nur wenigen guten Freunden erzählt, weil ich mich einfach für meinen Vater geschämt habe, dass er anders ist. Es wäre mir sehr viel leichter gefallen, wenn er sich „nur“ für andere Frauen interessieren würde, das wäre irgendwie normaler.

Wenn man länger darüber nachgedacht hat, kamen einem viele Fragen in den Kopf: Warum ist er nicht normal? Warum steht er auf Männer und nicht auf Frauen? Warum sind ihm andere Sachen wichtiger als die Familie? Ist diese Neigung nur von kurzer Dauer oder langfristig? Wird er sich für das Leben als Schwuler entscheiden oder für das Leben in der Familie? Wird er wirklich ausziehen?

Diese ganzen Fragen blieben fast alle offen, bis er ausgezogen ist. Er konnte noch nie gut über seine Gefühle sprechen und wahrscheinlich war er selbst sehr verwirrt, sodass ich am Anfang eigentlich nur mit meiner Mutter und meinem Bruder (damals 16 Jahre alt) darüber gesprochen habe.

Mein Vater hatte wohl Angst, mit seinen Kindern über dieses problematische Thema zu sprechen. Irgendwann, auf Drängen meiner Mutter, sprach er mit uns. Das Gespräch half mir nicht sehr viel weiter, da er einfach die Tatsachen verdrehte und die Schuld nicht bei sich suchte, sondern bei meiner Mutter. Allein schon schlimm war die Tatsache, dass er wohl nie mit uns darüber geredet hätte, wenn meine Mutter ihn nicht dazu gedrängt hätte. Ich denke, so etwas muss freiwillig kommen, sonst erfüllt es nicht seinen Sinn. Die Kinder haben das Recht, Antworten auf ihre Fragen zu bekommen und dass darüber familienintern gesprochen wird. Man muss den Kindern die Chance geben, den Vater und seine Neigung zu verstehen, damit sie das Erlebte auch verarbeiten können.

Als ich dann erfuhr, dass er einen festen Freund in Berlin hat, war das schon ein sehr komisches Gefühl. So gut wie jedes Wochenende ist mein Vater nach Berlin geflogen und hat uns ziemlich vernachlässigt. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es für meinen Vater wichtiger wäre, sich mit einem Mann zu treffen, als bei seiner Familie zu sein. Als sich meine Eltern endgültig trennten und mein Vater mit seinem Freund zusammenzog, war das sehr hart für meinen Bruder und mich. Da wir uns aber gut mit dem Freund meines Vaters verstehen, konnte ich mich recht schnell damit arrangieren. Mittlerweile ist das Verhältnis zwischen meinem Vater und mir besser denn je. Seine ganze Lebenseinstellung hat sich verändert, er ist viel lockerer geworden und interessiert sich mehr für mich.

Nach bald 5 Jahren mit dem Wissen, dass mein Vater schwul ist, ist es für mich nichts Besonderes mehr. Ich bin älter und reifer geworden und finde das ganze nicht mehr so außergewöhnlich und anormal wie damals. Ich habe eigentlich keine Probleme mehr, darüber relativ offen zu sprechen, und mit meinem Vater und seinem Freund durch die Stadt zu laufen. Ich denke, so wie es jetzt ist, ist es am besten. Meine Eltern haben beide einen Partner, mit dem sie glücklich sind, und darüber freue ich mich sehr für sie. Zum Schluss kann ich nur sagen: Ich mag beide Elternteile so wie sie sind, ob hetero oder homo.

Jana, 17

 

Letzte Änderung
September 20. 2017 16:41:34