Mein neues Leben

Mein neues Leben (Bericht von Bernadette)
Das erste Tangiert-Treffen war sehr wichtig für mich, denn es hat mir die Augen geöffnet! Es hat mir gezeigt, was ich nicht möchte, wie ich nicht leben möchte und wie ich nicht werden möchte! Es hat mich sehr erschüttert und nachhaltig wachgerüttelt. Ich danke TANGIERT, daß ich diese Erfahrung machen durfte.... sie hat mein Leben verändert!

Ich wusste auf einmal, was für mich richtig ist, ich war auf einmal in der Lage zu sagen "ich will nicht mehr", statt wie früher "ich kann nicht mehr". Mein Leben hat wieder Wert erlangt, ja, meine Bedürfnisse werden mir wieder wichtig. Ich wollte nicht mehr nur um ihn kämpfen, wo doch jeder Kampf aussichtslos ist. Ich wollte nicht mehr mein Leben für ihn "opfern", ich wollte wieder leben und irgendwann auch wieder glücklich werden. Das klingt vielleicht für viele Frauen hart, es kommt vielleicht der Eindruck hoch, mein Mann wäre ein schlechter Mensch oder würde mich unrecht behandeln. All das war und ist nicht der Fall. Er ist einfach nicht mehr mein Mann! Nicht mehr der Mann, den ich Jahre vorher geheiratet habe. Unsere Basis gibt es nicht mehr, zumindest nicht als Mann und Frau. Das wurde mir endlich bewußt! Was ich bei diesem Treffen erlebt habe, nämlich das tiefe Unglück der Frauen, die sich ihrem Schicksal bedingungslos ergeben, hat mir letztendlich dazu verholfen, mein Leben zu ändern.

Kurze Zeit nach diesem Treffen, nämlich weniger als 2 Wochen später hatte ich eine Wohnung für meinen Mann gefunden. Natürlich habe ich ihn darüber informiert, er war zu diesem Zeitpunkt in Urlaub bei seinem Freund. Nach seiner Rückkehr haben wir gemeinsam die Wohnung besichtigt. Wir haben den Haushalt aufgeteilt und ich habe meinem Mann beim Umzug geholfen. Das waren sehr harte Tage für mich, verbunden mit Tränen und Schmerz, aber auch einem klitzekleinen Hoffnungsschimmer, daß es im Grunde nur noch besser werden kann. Am Boden war ich ja schon......

Nachdem diese erste, zugegeben, nicht einfache Hürde genommen war, hatte ich einen totalen Kreislauf- und Nervenzusammenbruch. Die Erschöpfung der letzten Monate, die Enttäuschung darüber, "verloren" zu haben, immerhin 20 Jahre Ehe und die meiste Zeit davon sehr glücklich, das Gefühl, ich bin es nicht wert geliebt zu werden, all das kam wieder hoch in mir. Meine Ärztin empfahl mir dringend eine Therapie.

Der letzte gemeinsame Tag kam und der Abschied tat mir sehr weh. Ich konnte an diesem Abend nur heulen, war zutiefst verzweifelt, weil ich alleine war. Konnte mir mein Leben ohne ihn nicht vorstellen, obwohl es genau das war, was ich gewollt habe. Doch schon am Tag darauf fühlte ich so etwas wie "Befreiung", ja ich fühlte mich frei von der schweren Last und das war ein gutes Gefühl, wenn auch der Schmerz noch immer da war. Doch ich hatte in dieser ersten Woche sehr gute Freunde an meiner Seite, die mich abzulenken versuchten.

In der ersten Woche nach seinem Auszug, sah ich ihn jeden Tag. Es war grausam! Da wollte ich Abstand gewinnen und mußte ihn jeden Tag sehen. Die Umstände haben es so ergeben, wir hatten keine Möglichkeit, dem auszuweichen. Und je öfter ich ihn sah, umso belastender war es für mich. Schließlich wollte ich mein neues Leben beginnen und da war nun mal kein Platz mehr für ihn, zumindest nicht in der bisherigen Form! Und trotzdem fehlte er mir... ich hatte noch nicht wirklich losgelassen.

Doch erstaunlich schnell lernte ich, mein neues Leben anzunehmen und es zu genießen. Er fehlt mir nicht mehr, ich kann ohne ihn leben, ich habe losgelassen. Unsere Situation hat sich schnell normalisiert, wir sehen uns nicht mehr jeden Tag, aber sicher einmal in der Woche, manchmal auch öfter. Doch das ist okay, wir freuen uns, wenn wir uns sehen. Er respektiert mein Leben und meine Privatsphäre und ich seine. Wir akzeptieren den Lebensstil des anderen. Wir haben uns lieb, aber wir lieben uns nicht mehr.... wir sind nicht mehr Mann und Frau. Das war mal und es war gut, damals. Heute hat ein anderes Gefühl diesen Platz eingenommen: Wir sind Freunde geworden und ich könnte mir keinen treueren Freund vorstellen, als den Mann, der 20 Jahre lang mein Mann war und der heute noch, trotz der bitteren Zeit, die wir durchlebt haben, von sich behauptet, er würde alles für mich tun.

Mein schwuler Mann wird immer ein Teil meines Lebens bleiben. Ich möchte ihn nicht missen, aber ich möchte auch nicht mehr seine Frau sein! Ich beginne wieder zu leben -- nein, ich lebe wieder!! Ich kann jetzt, drei Monate nach seinem Auszug sagen, der Schritt, den ich getan habe, war der einzig richtige!!!! Auch wenn es weh tat, doch habe ich dadurch mich wiedergefunden. Und das ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl! Ich bin es wert, ich möchte leben, ich möchte glücklich sein und ich habe alle Zeit der Welt, dies zu erreichen. Mir geht es gut! Übrigens waren die Therapeutin und auch ich uns sicher, daß ich keine Therapie mehr brauche. Meine Therapie war die lange Zeit der Trennung.

Vor Kurzem habe ich einen sehr netten und liebevollen Mann kennengelernt. Ich glaube, ich könnte mir eine Zukunft mit ihm vorstellen. Er ist so ganz anders, als mein schwuler Mann. Durch ihn erlebe ich, wie schön es ist "Frau" sein zu dürfen. Durch seine Liebe werde ich erst wieder "Frau", nämlich so, wie ich es immer sein wollte, "ganz Frau". Wie es in meinem Leben weitergehen wird, das wir die Zukunft zeigen. Ich liebe wieder und werde von einem wundervollen Mann geliebt. Nur das zählt! Ein kostbareres Geschenk hätte ich mir nicht wünschen können.

Ich wünsche allen betroffenen Frauen, daß sie einen für sich richtigen Weg finden. Vor allem aber wünsche ich allen Frauen, daß sie den Mut finden, ihrem eigenen Leben wieder Wichtigkeit zu verleihen und es zu leben! Denn wir haben nur dieses eine und es sollte uns allen wertvoll sein!

Ja, das ist eine sehr lange Geschichte, aber eigentlich zum Kürzen fast zu schade, denn sie zeigt, daß es auch ein Leben "danach" gibt, das es wert ist, gelebt zu werden.

Bernadette
Letzte Änderung
September 20. 2017 16:41:34